UX der Zukunft · Beyond the Interface

Wenn das Interface nicht mehr feststeht: Wie KI die Benutzeroberfläche neu erfindet

Wenn KI die Oberfläche passend zur Aufgabe zusammenstellt: Was A2UI und MCP Apps ermöglichen – und welche Regeln gute Nutzererfahrung weiterhin braucht.

Marcel Willie

Essay01. November 202612 Min. Lesezeit
Fiktive Reiseoberfläche: Aus einem Komponentenbaukasten entstehen eine Karte, Angebotskarten und eine Budgetauswahl innerhalb einer stabilen Navigation.

Jahrzehntelang haben Designer festgelegt, welche Buttons, Formulare und Ansichten eine Anwendung besitzt. Künstliche Intelligenz stellt dieses Prinzip zunehmend infrage. Was passiert, wenn Software ihre Oberfläche erst dann zusammenstellt, wenn sie weiß, was wir erreichen möchten?

Stell dir vor, du öffnest eine Reiseplattform, weil du einen Wochenendausflug nach Kopenhagen planst.

Normalerweise beginnt die Suche mit einem Formular. Du gibst Reisedaten ein, wählst einen Abflughafen, legst die Anzahl der Reisenden fest und klickst auf „Suchen“. Anschließend erhältst du eine Liste von Ergebnissen, die du mit verschiedenen Filtern eingrenzen kannst.

Doch was wäre, wenn du stattdessen einfach schreiben könntest: „Ich möchte im Dezember für drei Tage nach Kopenhagen. Möglichst günstig, aber mit einem schönen Hotel in der Innenstadt.“

Die Anwendung versteht deine Anfrage und stellt unmittelbar eine passende Oberfläche zusammen.

Sie zeigt dir drei Reisekombinationen, eine Karte mit den Hotelstandorten und einen Preisvergleich. Daneben erscheint ein Schieberegler, mit dem du dein Budget verändern kannst. Wenn du später nach einer ruhigeren Unterkunft fragst, passt sich die Darstellung an.

Nicht nur die Inhalte verändern sich. Auch die Art, wie du mit ihnen interagierst, entsteht passend zu deiner Aufgabe.

Genau diese Idee steckt hinter Generative UI.

Während klassische Anwendungen ihre Benutzeroberfläche weitgehend im Voraus definieren, können generative Systeme Teile der Oberfläche dynamisch auswählen, kombinieren oder erzeugen.

Das eröffnet neue Möglichkeiten für die Gestaltung digitaler Produkte. Gleichzeitig stellt es einige Grundannahmen des Interface Designs infrage.

Denn wenn sich eine Oberfläche bei jeder Anfrage verändern kann, stellt sich eine entscheidende Frage: Wie sorgen wir dafür, dass sie trotzdem verständlich, konsistent und zuverlässig bleibt?

Von festen Screens zu dynamischen Interfaces

Die meisten digitalen Produkte folgen einer klaren Architektur.

Designer entwickeln Ansichten, definieren Komponenten und beschreiben, wie Nutzer zwischen unterschiedlichen Zuständen navigieren. Entwickler setzen diese Strukturen anschließend um.

Natürlich sind moderne Interfaces bereits dynamisch. Ein Dashboard verändert seine Inhalte abhängig von den verfügbaren Daten. Ein Onlineshop empfiehlt unterschiedliche Produkte. Eine Banking-App zeigt andere Informationen an, je nachdem, welche Konten ein Nutzer besitzt.

Doch die grundlegende Struktur bleibt meistens vorhersehbar.

Ein Produktdetail besitzt bestimmte Bereiche. Ein Checkout folgt einer festgelegten Abfolge. Eine Einstellungsseite enthält die vorgesehenen Steuerelemente.

Bei Generative UI verschiebt sich diese Grenze.

Das System entscheidet nicht mehr ausschließlich, welche Informationen innerhalb einer bestehenden Oberfläche erscheinen. Es kann auch beeinflussen, welche Interaktionselemente für eine bestimmte Aufgabe überhaupt benötigt werden.

Eine Anfrage nach einer Umsatzentwicklung könnte ein Diagramm hervorbringen. Eine Reiseplanung benötigt vielleicht eine Karte und einen Kalender. Für die Konfiguration eines Produkts wäre dagegen ein Formular mit passenden Auswahlmöglichkeiten sinnvoll.

Der entscheidende Unterschied liegt darin, dass die Auswahl und Zusammenstellung dieser Elemente zur Laufzeit erfolgen kann.

Allerdings bedeutet Generative UI nicht zwangsläufig, dass eine KI beliebigen HTML- oder JavaScript-Code schreibt.

Gerade für produktive Anwendungen entstehen inzwischen Ansätze, bei denen KI-Systeme vorhandene, geprüfte Komponenten dynamisch miteinander kombinieren.

Und genau dort wird die Entwicklung besonders interessant.

A2UI: Wenn die KI vorhandene Komponenten zusammensetzt

Ein konkretes Beispiel für diesen Ansatz ist A2UI, kurz für Agent-to-UI.

Das offene Protokoll wurde im Dezember 2025 öffentlich vorgestellt und im April 2026 mit Version 0.9 weiterentwickelt. Am 29. Oktober 2026 erschien außerdem eine neue Entwickleranleitung zur Integration mit CopilotKit.

Das grundlegende Prinzip ist bemerkenswert einfach: Ein KI-Agent beschreibt die gewünschte Benutzeroberfläche als strukturierte Daten. Die eigentliche Anwendung übernimmt anschließend die Darstellung mit ihren vorhandenen Komponenten.

Der Agent könnte beispielsweise anfordern, eine Karte mit drei Reisezielen, einen Preisvergleich und eine Datumsauswahl darzustellen.

Er entscheidet damit über die Zusammenstellung der Oberfläche, ohne selbst die vollständige technische Implementierung dieser Elemente erzeugen zu müssen.

Die Anwendung verwendet weiterhin ihre eigenen Buttons, Eingabefelder und Layout-Komponenten. Farben, Typografie und grundlegende Interaktionsmuster bleiben unter der Kontrolle des Frontends.

A2UI unterstützt dafür sogenannte Component Catalogs. Darin wird festgelegt, welche Bausteine ein Agent verwenden darf. Der im Oktober 2026 beschriebene Basic Catalog umfasst 18 allgemeine Komponenten, die sich für unterschiedliche Oberflächen kombinieren lassen.

Auch die Übertragung ist auf dynamische Anwendungen ausgelegt: Komponentenbeschreibungen können schrittweise übertragen und dargestellt werden, statt erst auf eine vollständig generierte Oberfläche warten zu müssen. Google Developers Blog

Das ist eine wichtige Entwicklung, weil sie zwei scheinbar widersprüchliche Anforderungen miteinander verbindet.

Einerseits soll die Benutzeroberfläche flexibel genug sein, um sich an unterschiedliche Aufgaben anzupassen. Andererseits müssen Unternehmen sicherstellen, dass ihre Anwendungen konsistent, wartbar und kontrollierbar bleiben.

Ein begrenzter Komponentenbaukasten kann genau dafür eine Grundlage schaffen.

Die KI entscheidet, welche Bausteine sinnvoll sind. Das Designsystem bestimmt weiterhin, wie diese Bausteine aussehen und funktionieren.

MCP Apps: Wenn Anwendungen direkt im Gespräch erscheinen

Eine andere Entwicklung verfolgt ein verwandtes Ziel, setzt technisch jedoch an einer anderen Stelle an.

Am 26. Januar 2026 wurde MCP Apps als erste offizielle Erweiterung des Model Context Protocol vorgestellt.

Damit können angebundene Werkzeuge nicht nur Text oder strukturierte Daten zurückgeben, sondern auch interaktive Benutzeroberflächen innerhalb einer KI-Konversation bereitstellen.

Ein Analysewerkzeug könnte beispielsweise ein Dashboard anzeigen, in dem Nutzer Daten filtern, Zeiträume verändern und einzelne Einträge untersuchen können.

Die Oberfläche erscheint direkt dort, wo zuvor die entsprechende Frage gestellt wurde.

Technisch basiert dieser Ansatz auf bereitgestellten HTML-Oberflächen, die in einer isolierten Umgebung innerhalb der jeweiligen Anwendung dargestellt werden. Die Kommunikation zwischen Oberfläche und Host erfolgt über definierte Schnittstellen.

Im Unterschied zum deklarativen A2UI-Ansatz stellt MCP Apps also primär einen standardisierten Weg bereit, interaktive Anwendungen in KI-Umgebungen einzubetten. Die Oberfläche muss dabei nicht für jede Anfrage neu generiert werden. Model Context Protocol Blog

Beide Entwicklungen zeigen jedoch eine ähnliche Richtung.

Die klassische Trennung zwischen einer Konversation mit einem Assistenten und der Bedienung einer Anwendung wird durchlässiger.

Nutzer müssen nicht mehr zwangsläufig zwischen einem Chat, einem Dashboard und verschiedenen Formularen wechseln. Unterschiedliche Interaktionsformen können innerhalb eines zusammenhängenden Arbeitsprozesses auftreten.

Das bedeutet allerdings nicht, dass klassische Anwendungen verschwinden werden.

Vielmehr entsteht eine zusätzliche Ebene, die zwischen natürlicher Sprache und grafischer Interaktion vermittelt.

Warum ein Chatfenster nicht für jede Aufgabe geeignet ist

Die Begeisterung für sprachbasierte Interfaces hat zeitweise den Eindruck vermittelt, dass sich nahezu jede Anwendung durch ein Chatfenster ersetzen ließe.

Doch natürliche Sprache besitzt Grenzen.

Stell dir vor, du möchtest in einer Analyseanwendung die Umsätze der letzten zwölf Monate vergleichen.

Du könntest schreiben: „Zeige mir die Entwicklung des Umsatzes.“

Anschließend: „Nur für Deutschland.“

Danach: „Vergleiche das mit dem Vorjahr.“

Und schließlich: „Kannst du den Zeitraum auf die letzten sechs Monate reduzieren?“

Jede dieser Anfragen lässt sich sprachlich formulieren. Trotzdem wäre ein interaktives Diagramm mit Filtern in vielen Situationen deutlich praktischer.

Du könntest die Auswahl direkt verändern, unterschiedliche Zeiträume ausprobieren und die Ergebnisse unmittelbar vergleichen.

Bei der Arbeit mit visuellen Informationen ist eine grafische Oberfläche häufig nicht nur eine alternative Darstellung, sondern ein wesentlicher Bestandteil der eigentlichen Aufgabe.

Dasselbe gilt für zahlreiche andere Tätigkeiten.

Eine Reise lässt sich mit einer Karte erkunden. Ein Termin wird über einen Kalender ausgewählt. Ein Bild lässt sich über einen Schieberegler bearbeiten. Eine Tabelle ermöglicht den direkten Vergleich vieler Werte.

Generative UI könnte hier eine sinnvolle Verbindung herstellen.

Die natürliche Sprache hilft dabei, das Ziel zu formulieren. Die grafische Oberfläche unterstützt anschließend die konkrete Bearbeitung.

Die Zukunft liegt möglicherweise nicht darin, jedes Interface durch einen Chat zu ersetzen, sondern darin, Sprache und grafische Interaktion situationsabhängig miteinander zu verbinden.

Diese Einschätzung ist eine Designperspektive, keine gesicherte Prognose. Sie lässt sich jedoch aus den aktuellen technischen Entwicklungen und den unterschiedlichen Stärken beider Interaktionsformen ableiten.

Das größte UX-Problem: Was passiert mit der Vorhersehbarkeit?

So vielversprechend dynamische Benutzeroberflächen erscheinen, sie bringen ein grundlegendes Problem mit sich.

Menschen lernen, wie Software funktioniert.

Wer regelmäßig mit einer Anwendung arbeitet, entwickelt Erwartungen. Bestimmte Funktionen befinden sich an vertrauten Stellen. Wiederkehrende Abläufe lassen sich zunehmend schneller ausführen.

Eine dynamisch generierte Oberfläche könnte diese Erwartungen verletzen.

Stell dir vor, du öffnest jeden Morgen dein Projektmanagement-Dashboard.

Am Montag befinden sich die wichtigsten Kennzahlen oben rechts. Am Dienstag zeigt die Anwendung stattdessen eine große Tabelle. Am Mittwoch entscheidet der KI-Agent, dass eine Kartenansicht hilfreicher wäre.

Jede einzelne Darstellung könnte für sich genommen sinnvoll sein.

Zusammen ergeben sie möglicherweise eine Anwendung, deren Bedienung immer wieder neu gelernt werden muss.

Genau hier entsteht ein Konflikt zwischen Anpassungsfähigkeit und Konsistenz.

Auch die Web Content Accessibility Guidelines 2.2 des W3C betonen die Bedeutung vorhersehbarer Interaktionen.

Das Erfolgskriterium 3.2.3 verlangt beispielsweise, dass wiederkehrende Navigationsmechanismen innerhalb zusammengehöriger Webseiten in derselben relativen Reihenfolge erscheinen, sofern die Änderung nicht vom Nutzer ausgelöst wurde.

Dieses Kriterium verbietet keine generativen Interfaces. Es zeigt jedoch, dass dynamische Oberflächen bestehende Anforderungen an konsistente Navigation weiterhin erfüllen müssen. W3C: Erfolgskriterium 3.2.3

Aus gestalterischer Sicht ergibt sich daraus eine wichtige Unterscheidung.

Nicht jeder Bereich einer Anwendung sollte gleichermaßen dynamisch sein.

Eine generierte Datenvisualisierung innerhalb eines stabilen Dashboards kann hilfreich sein. Eine ständig wechselnde Hauptnavigation dürfte dagegen häufig mehr Probleme verursachen, als sie löst.

Eine sinnvolle Architektur könnte deshalb zwischen festen und variablen Bereichen unterscheiden.

Navigation, grundlegende Bedienelemente und zentrale Produktfunktionen bleiben konsistent. Die Inhalte und aufgabenspezifischen Werkzeuge innerhalb dieser Struktur können sich dynamisch verändern.

Die Oberfläche passt sich an, ohne ihre grundlegende Identität zu verlieren.

Wenn die KI entscheidet, was wichtig ist

Ein weiteres Problem entsteht durch die Auswahl der angezeigten Informationen.

Klassische Interfaces sind ebenfalls nicht neutral. Designer entscheiden, welche Informationen sichtbar sind, welche hervorgehoben werden und welche zunächst verborgen bleiben.

Bei Generative UI kann diese Entscheidung jedoch teilweise zur Laufzeit erfolgen.

Ein KI-Agent interpretiert eine Anfrage und stellt die Informationen zusammen, die er für relevant hält.

Das kann den Arbeitsaufwand erheblich reduzieren.

Gleichzeitig besteht die Gefahr, dass wichtige Informationen fehlen.

Stell dir eine Anwendung vor, die verschiedene Kreditangebote vergleicht.

Der Nutzer fragt nach dem günstigsten Angebot. Die KI erstellt daraufhin eine übersichtliche Vergleichsansicht mit drei Optionen.

Wenn diese Darstellung ausschließlich die monatlichen Raten hervorhebt, aber Laufzeiten, Gesamtkosten oder zusätzliche Gebühren vernachlässigt, entsteht möglicherweise ein irreführender Eindruck.

Die Benutzeroberfläche kann visuell hervorragend gestaltet sein und trotzdem eine schlechte Entscheidungsgrundlage liefern.

Das Problem liegt dann nicht in der Darstellung einzelner Komponenten, sondern in der Auswahl und Gewichtung der Informationen.

Für UX Designer entsteht dadurch eine neue Verantwortung.

Es reicht nicht mehr aus, festzulegen, wie eine Vergleichstabelle aussehen soll.

Sie müssen auch definieren, welche Informationen eine solche Tabelle zwingend enthalten muss, welche Aussagen überprüfbar sein müssen und wann zusätzliche Erklärungen erforderlich sind.

Eine dynamische Oberfläche braucht deshalb nicht nur ein Designsystem.

Sie braucht auch Regeln für die Auswahl, Priorisierung und Darstellung von Informationen.

Sicherheit und Kontrolle werden Teil des Interface Designs

Je mehr Aufgaben KI-Agenten übernehmen, desto wichtiger wird die Unterscheidung zwischen einer vorgeschlagenen und einer tatsächlich ausgeführten Aktion.

Eine generierte Oberfläche könnte beispielsweise einen Button anzeigen, der eine Rechnung freigibt, eine Bestellung auslöst oder einen Datensatz löscht.

Doch nur weil ein Agent eine solche Aktion für sinnvoll hält, sollte er sie nicht automatisch ausführen dürfen.

Die technischen Ansätze berücksichtigen diese Problematik auf unterschiedliche Weise.

A2UI setzt im deklarativen Ansatz auf Komponentenbeschreibungen und kontrollierte Komponentenbibliotheken, statt beliebigen generierten Code unmittelbar auszuführen. Google: Einführung von A2UI

MCP Apps verwendet isolierte Darstellungsumgebungen und definierte Kommunikationswege. Hosts können außerdem explizite Zustimmungen für Aktionen verlangen, die aus eingebetteten Oberflächen heraus ausgelöst werden. MCP Apps: Sicherheitsmodell

Diese Mechanismen sind wichtige technische Grundlagen. Sie ersetzen jedoch keine sorgfältige Gestaltung der Benutzerinteraktion.

Ein Nutzer muss verstehen können, welche Daten verarbeitet werden, welche Aktion bevorsteht und welche Konsequenzen daraus entstehen.

Gerade bei kritischen Vorgängen sollte eine generierte Oberfläche deshalb nicht allein auf ihre technische Funktionsfähigkeit geprüft werden.

Sie muss auch eine verständliche Entscheidung ermöglichen.

Eine Freigabemaske sollte beispielsweise eindeutig zeigen, welcher Vorgang bestätigt wird, welche Informationen dafür relevant sind und ob die Aktion rückgängig gemacht werden kann.

Eine dynamische Benutzeroberfläche darf nicht dazu führen, dass die Verantwortung für Entscheidungen unsichtbar wird.

Was bedeutet Generative UI für Designsysteme?

Je dynamischer eine Oberfläche wird, desto wichtiger werden verlässliche Bausteine. Ein Designsystem beschreibt dafür neben Farben und Typografie auch Zustände, Verhalten und zulässige Kombinationen.

Ein Button braucht einen eindeutigen Zweck und verständliches Feedback beim Laden oder bei Fehlern. Ein Formular muss Eingaben prüfen, Fehler zugänglich erläutern und sich mit der Tastatur bedienen lassen. Diese Anforderungen gelten auch dann, wenn eine KI die Komponenten zusammenstellt.

Auch die offiziellen UI-Richtlinien für Anwendungen innerhalb von ChatGPT setzen auf wiederverwendbare Komponenten, konsistente visuelle Hierarchien und klar definierte Darstellungsmodi. OpenAI Developers

Designarbeit verschiebt sich damit teilweise von einzelnen Screens zu Regeln: Welche Kombinationen sind sinnvoll? Welche Informationen müssen sichtbar bleiben? Wann muss das System nachfragen? Diese Fragen lassen sich nicht allein durch einen technisch gültigen Komponentenbaum beantworten.

Wie sich generative Interfaces sinnvoll testen lassen

Auch die Qualitätssicherung muss sich verändern.

Bei einer klassischen Anwendung können Teams konkrete Ansichten und festgelegte Abläufe testen.

Bei Generative UI existieren dagegen möglicherweise zahlreiche unterschiedliche Darstellungen für dieselbe Aufgabe.

Eine einmalige Überprüfung eines Screenshots reicht deshalb nicht aus.

Stattdessen müssen unterschiedliche Anfragen, Kontextinformationen und Systemzustände berücksichtigt werden.

Besonders wichtig sind Situationen, in denen eine Anfrage mehrdeutig ist oder relevante Informationen fehlen.

Ein Agent sollte beispielsweise nicht eigenständig einen verbindlichen Termin auswählen, wenn der Nutzer lediglich nach möglichen Zeitfenstern gefragt hat.

Ebenso sollte eine generierte Vergleichsansicht keine Informationen erfinden, nur weil eine bestimmte Komponente dafür ein Datenfeld erwartet.

Für die Qualitätssicherung ergeben sich daraus mehrere sinnvolle Prüffragen: Sind alle angezeigten Daten nachvollziehbar? Bleiben zentrale Bedienelemente konsistent? Funktionieren die generierten Ansichten mit Tastatur und Screenreader? Werden kritische Aktionen ausreichend abgesichert? Und können Nutzer erkennen, welche Entscheidungen das System selbst getroffen hat?

Diese Prüfungen sollten möglichst automatisierte Tests mit gezielten Usability-Untersuchungen verbinden.

Denn eine technisch gültige Komponentenstruktur garantiert noch keine verständliche Benutzeroberfläche.

Fazit: Die Zukunft des Interfaces ist nicht zwangsläufig ein Chat

Generative UI ermöglicht, Teile einer Oberfläche erst passend zur konkreten Aufgabe zusammenzustellen. A2UI bietet dafür eine deklarative Beschreibung; MCP Apps standardisiert die Einbettung interaktiver Oberflächen in KI-Umgebungen. Eine eingebettete App muss dabei nicht neu generiert sein.

Diese technischen Möglichkeiten belegen noch keine bessere Nutzererfahrung. Dafür müssen Informationen nachvollziehbar, Bedienmuster konsistent und folgenreiche Aktionen bewusst kontrollierbar bleiben.

Designer gestalten deshalb zunehmend auch die Bedingungen, unter denen variable Ansichten entstehen dürfen. Die zentrale Aufgabe ist, Regeln zu schaffen, mit denen unterschiedliche Oberflächen verständlich, zugänglich und zuverlässig bleiben.


Quellen und weiterführende Literatur

Die Recherche berücksichtigt Veröffentlichungen bis zum 1. November 2026. Die technischen Aussagen stützen sich überwiegend auf Primärquellen der jeweiligen Projekte und Standardisierungsinitiativen.

1. Google Developers Blog – Build Generative UI Apps with A2UI & CopilotKit Agents
29. Oktober 2026

Aktuelle Entwicklerveröffentlichung zur Integration generativer Benutzeroberflächen. Erläutert Component Catalogs, deklarative UI-Beschreibungen, Framework-Unterstützung und die Verbindung zwischen A2UI und AG-UI.

Artikel vom 29. Oktober 2026 lesen

2. Google Developers Blog – A2UI v0.9: The New Standard for Portable, Framework-Agnostic Generative UI
17. April 2026

Technischer Überblick über A2UI 0.9, die Trennung von Komponentenbeschreibung und Darstellung sowie die Weiterentwicklung der Streaming- und Validierungsfunktionen.

A2UI v0.9 – Entwicklerartikel

3. Model Context Protocol – MCP Apps: Bringing UI Capabilities to MCP Clients
26. Januar 2026

Offizielle Ankündigung der MCP-Apps-Erweiterung mit technischen Grundlagen, Beispielen und Sicherheitskonzept.

MCP Apps – Offizielle Ankündigung

4. OpenAI Developers – UI Guidelines

Gestaltungsrichtlinien für interaktive Anwendungen innerhalb von ChatGPT. Behandelt unter anderem Komponenten, Layouts, visuelle Konsistenz, Interaktionsmuster und Barrierefreiheit.

UI Guidelines für ChatGPT-Anwendungen

5. W3C – Web Content Accessibility Guidelines 2.2
W3C Recommendation, Fassung vom 12. Dezember 2024

Normative Grundlage für Anforderungen an barrierefreie Weboberflächen, einschließlich vorhersehbarer Navigation und konsistenter Identifikation von Bedienelementen.

WCAG 2.2 – Offizielle Spezifikation

6. Model Context Protocol – MCP Apps: Extending Servers with Interactive User Interfaces
21. November 2025

Frühe technische Beschreibung der Erweiterung mit Fokus auf isolierte Ausführung, Berechtigungen und sichere Kommunikation zwischen eingebetteten Interfaces und Host-Anwendungen.

MCP Apps – Technischer Hintergrund

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Zur Gestaltung der Auswahl: Warum weniger Optionen nicht automatisch bessere UX bedeuten.